Es ist 19:22 Uhr. Du denkst dir, hinter dir liegt ein grauer Tag. Doch grau ist nicht treffend. Vielmehr war es ein verwirrender, antriebsloser Tag. Du hast andere Leute angetrieben und ermutigt, doch für den Moment hängst du selbst in der Luft. Was fängst du mit dem restlichen Tag an. Dein neuer Lieblingsplatz liegt am Ende deines Zimmers. Direkt an der warmen Heizung. Neben dir findest du die Überreste des Tages. Eine fast leere Chipstüte, Zigarettendrehzeug und hin und wieder hat sich die Asche nicht direkt im Aschenbescher, sondern daneben platziert. Wenig später gesellte sich eine Kanne warmer Tee hinzu und nun wurde auch noch das Glas Wein wilkommen geheißen. Die dazugehörige Flasche macht es sich noch in der Küche gemütlich.
Mit all diesen Utensilien bestens ausgestattet, hast du es dir auf deinem roten Kissen bequem gemacht. Der Laptop auf deinen Beinen. Der Kopf überall und doch nirgends. Du versuchst zu verstehen, zu erörten. Ergebnis: Nichts.
Also darf Youtube ein weiteres Mal herhalten. Doch Moment. Es klingelt, du hast eine Nachricht erhalten. Es ist die Frau, der du noch heute Mittag Mut zugesprochen hast. Es geht ihr gut, alles hat sich zum Guten gewendet. Du freust dich. Mit ihr und für sie. Und dennoch. Du selbst hängst weiter in der Luft. Während du dich durch das breitgefächerte Angebot kämpfst, stößt du ein weiteres Mal auf diesen Song.
I haven’t slept at all in days
It’s been so long since we’ve talked
And I have been here many times
I just don’t know what I’m doing wrong
Während du den wunderbaren Streichinstrumenten verfällst, lauschst du dem Gesang. Wovon singt diese Frau? Was hat sie gefühlt, was meinte sie damit?
What can I do to make you love me
What can I do to make you care
What can I say to make you feel this
What can I do to get you there
Es ist schrecklich, für einen Menschen tiefste Zuneigung zu empfinden, dieser aber nicht für dich. Sehnsucht, Verlangen – es scheint dich aufzufressen. Im Moment würdest du alles geben, um auch nur einen Hauch zurückzubekommen. Wenn der andere doch nur etwas empfinde würde, ein klein wenig. “Sag’ mir, was ich tun kann, und ich tu’s!” Doch was kann man tun? Nichts!
Du nippst an deinem Weinglas. Der Wein war auch schonmal besser. “Love me! Love me!” Ein musikalischer Hilfeschrei. Ein Schrei nach Liebe. Du bringst Verständnis für all die unglücklich Liebenden auf, doch gleichzeitig prangerst du an, dass sich niemand um die andere Seite schert. Was, wenn der andere auch liebt, jedoch auf rein platonischer Ebene? Muss er deswegen sämtliche Verantwortung tragen? Was, wenn der andere auch liebt, nicht nur auf platonischer Ebene, seine Vernunft jedoch siegt? Muss er deswegen einen Schlussstrich ziehen? Man sollte ehrlich miteinander umgehen. Doch was tun, wenn man sich den eigenen Gefühlen nicht bewusst ist?
Liebende werden von der Sehnsucht aufgefressen. Sie lernen die negativen Seiten der Hoffnung kennen. Doch was wird aus den Halbliebenden? Sie tragen die Last der Liebenden. Die Verantwortung fühlt sich so schwer an, fast unertragbar. Und zusätzlich plagt sie die Ungewissheit. Es ist erschreckend, sich selbst nicht zu verstehen.
Was also tun? “What Can I Do?”
salzwasser sagte,
Dezember 21, 2009 um 10:59 am
Wer versteht schon die Liebe?!
Die Liebe ist der einzige Lehrer, von dem wir wirklich etwas wahrhaftig lernen können. Und manchmal kann man eben gar nichts tun und da geht nur Wein trinken. Wein trinken ist immer gut
Optimistin sagte,
Dezember 22, 2009 um 9:40 am
Wein trinken ist immer gut?! Das bilde ich mir auch langsam ein. Fraglich nur, ob das mal nicht schnell ein böses Ende nehmen kann
Geheimrat sagte,
Dezember 22, 2009 um 2:24 pm
Nein, ein böses Ende dauert immer etwas länger
Im Wein liegt Wahrheit – doch in Wahrheit ruht die Wahrheit in uns selbst. Der Wein “kitzelt” sie nur heraus. Er enthemmt und die Gefühle bahnen sich ihren Weg. Deshalb auch sagen Betrunkene (und kleine Kinder) immer die Wahrheit! Betrinke Dich aber in einer behüteten Atmosphäre – dann kann nichts schlimmes passieren. Denn, sich zu erkennen ist (manchmal) nur auf den ersten Blick schlimm. Es ist der erste Schritt auf einem neuen Weg. Auch wenn Du dabei wackelst …
Frohe Weihnachten. Feiere ein Fest der Liebe!
Julia sagte,
Dezember 23, 2009 um 4:29 pm
wohl wahr, wohl wahr, der werte Herr Rat.
Da freu ich mich doch auf morgen… da gibts nämlich guuuuten Wein, hehe
In diesem Sinne: Optimistin, Prost!
Rex sagte,
Dezember 29, 2009 um 10:49 am
Ein wirklich schöner Text. Gefällt mir sehr. Alleine dafür muss ich mich ein weiteres Mal bedanken
Dem Mr. Rat kann ich an dieser Stelle nur zustimmen. Word!
inmeinemkopf sagte,
Dezember 29, 2009 um 11:09 am
da kann man wirklich nur allen vorangegangenen schreibern beipflichten.
- wundervoller text
- im wein liegt die wahrheit
- die liebe ist ein notwendiges übel
- alk kann helfen, muss aber nicht
egal, scheiss situation (eine leider viel zu bekannte) aber nichts desto trotz ein wunderschöner text in dem man sich verlieren kann. hab ihn auch 3mal lesen müssen, nicht aus gründen des analphabetismus, sonder um meinen kopf wieder aus dem text zu bekommen.
Geheimrat sagte,
Januar 18, 2010 um 5:47 pm
Geh´ doch bitte mal wieder Deinem (Blog-)Motto nach. Büdde …
Optimistin sagte,
Januar 18, 2010 um 7:22 pm
Vielen lieben Dank für die tollen Kritiken. Habe mich sehr darüber gefreut
@ Herr Geheimrat
Es tut mir Leid, dass ich vom Weg ein wenig abgekommen bin. Aber ich denke, der Nebel zieht langsam weiter… die Sicht wird klarer
Geheimrat sagte,
Januar 18, 2010 um 7:38 pm
Ivy sagte,
Januar 22, 2010 um 12:43 am
Faszinierend… weil ich es grade erlebe…
Geheimrat sagte,
Februar 7, 2010 um 11:35 am
Darf ich erneut mahnen, doch wieder etwas zu schreiben? Ich fühle mich hier derzeit wie ein stetig abgewiesener Besucher … Und das wollen wir doch nicht
Optimistin sagte,
Februar 14, 2010 um 11:44 pm
Lieber Geheimrat,
sehr gern darfst du mich ermahnen. Und ich fühle mich dadurch tatsächlich angespornt. Nur leider fehlen mir momentan die kreativen Züge, um meinem Namen alle Ehre zu machen. Doch ich habe dich und den Blog nicht vergessen. Oft gelingt mir jedoch nur der Anfang und nicht der weitere Ausbau. Aber die Baustelle arbeitet und steht nicht still
Vielen lieben Dank, dass du immer mal vorbei schaust. Ich bin leider immer viel zu schreibfaul (auch auf Kommentare bezogen), aber stöbere umso mehr auf anderen tollen Blogs rum….
Ganz liebe Grüße & eine gute Nacht wünscht dir
die “Optimistin”
Rex sagte,
Februar 15, 2010 um 4:46 pm
Ui, das freut auch mich – Dass du an uns denkst
Geheimrat sagte,
Februar 15, 2010 um 5:50 pm
Huch, mich nicht vergessen
Na gut, und das Blog…
Und doch: Was Du nicht vergisst, vernachlässigst Du (trotzdem). Allerdings drängt sich die Frage auf: Wenn schreibfaul, warum dann ein Blog?
Liebe Grüße zurück!
Optimistin sagte,
März 6, 2010 um 12:21 pm
Nicht schreibfaul, nicht vernachlässigend – sondern einfach nur unkreativ. Und ganz ehrlich: Einfach nur pessimistisch.
Doch Pessimismus is gone, Optimismus is back!
Beste Grüße